Indien also… Land der Kontraste! Farben, Gerüche, Lärm, Staub und Dreck – das alles schmeckt, riecht und beeindruckt anders als in anderen Ländern dieser Welt. Man muss robust sein für Indien. Gestank, Menschenmassen, Chaos, Armut, Krankheit und Tod auf der Straße – wer das nicht ertragen kann, für den ist Indien kein Reiseland. Zumindest nicht so, wie ich es bereist habe: Mit dem Rucksack und ohne festgelegtes Ziel.

Den Plan zu diesem Abenteuer hatte ich schon lange, nach Abschluss meines Studiums belohnte ich mich mit einer Reise in das Land meiner Träume. Indien ist gewaltig, fast 10x so groß wie Deutschland, mit 15x so vielen Menschen. Man bräuchte Monate, um das ganze Land zu bereisen.

Reisebericht Indien

Die „Häuser“ der Slums

Hat man wie ich nur drei Wochen Zeit, muss man sich auf einzelne Regionen beschränken. So werde ich also nicht den Norden sehen mit dem Taj Mahal, den Tigern, Elefanten und Maharadscha-Palästen Rajasthans und auch nicht die Totenverbrennungen am heiligen Ganges, sondern mich auf den Süden konzentrieren.

Von Mumbai aus soll es an der Westküste entlang gehen, bis – ja , so weit ich eben komme. Der Flug ist angenehm, mit einem zweitägigen Zwischenstopp in Dubai – muss man wohl gesehen haben die Stadt in der Wüste, ich kann dieser Kunstwelt allerdings nicht sehr viel abgewinnen.

Landung in Mumbai: Kulturschock! Zwei Stunden dauert die Höllenfahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum. Der Verkehr ist mehr als chaotisch, jede noch so kleine Lücke wird ausgenutzt. Busse, LKW, Taxis, Fahrräder, jeder versucht sich Meter für Meter voran zu schieben. Und dann der Gestank – es ist fast unerträglich.

Rechts und links der Straße befinden sich kilometerlange Slums, gelegentlich erhascht man einen Blick ins Innere und kann nur ahnen, wie es dort aussieht. „Slumdog Millionaire“ – nicht in schönen Hollywoodfarben, sondern grau, dreckig und dunkel mit beißendem Aasgeruch.

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Straßenbild in Mumbai

Ich checke in ein schlichtes, aber sauberes Hotel ein und mache mich auf die Suche nach etwas Essbarem. Im Restaurant nebenan probiere ich das erste Mal echtes indisches Essen – würzig und scharf, genau nach meinem Geschmack! Auf dem Rückweg teile ich mir den Gehweg mit einer fetten Ratte… Mein erster Tag in Indien: Ich bin fix und fertig und muss die Eindrücke erstmal verarbeiten.

Drei Tage Sightseeing, Eintauchen ins fremde Land, Einkaufen auf den zahlreichen Märkten, dann geht es endlich weiter, mit dem Zug in Richtung Süden.

Goa, ich komme! Der Weg zum Bahnhof kostet noch einmal viel Kraft. 5 Uhr morgens, es ist noch dunkel, in den Straßen herrscht eine seltsame Stimmung. Zahlreiche „Menschenbündel“ liegen schlafend in den Ecken. Mütter mit kleinen Kindern, ohne Decke und Unterlage, und überall die mir inzwischen bekannten Ratten, direkt neben den Köpfen. Ich kämpfe mit den Tränen… so eine Trostlosigkeit, so ein absolutes Menschenelend.

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1. Klasse in einem indischen Zug

Die Zugfahrt ist angenehm, ich reise 1.Klasse (was für ein Kontrast!) mit eigenem Abteil und gemütlichem Bett. Der Fahrpreis für die 800 Kilometer in 13 Stunden ist so niedrig wie ein Ticket von Hamburg nach Berlin… Sauber ist es nicht gerade, aber nach drei Tagen Mumbai bin ich so erschöpft, dass ich sofort einschlafe.

Das kleine Städtchen Margao ist Endstation für mich – von hier aus kann man in einen der zahlreichen Hippie-Orte am Meer weiterreisen. Ich entscheide mich bewusst dagegen und nehme Kurs auf das Dörfchen Palolem, das vor 10 Jahren noch ein unscheinbares Fischerdorf war und erst jetzt so langsam entdeckt wird.

Ich wohne im „Palolem Guesthouse„, einer gemütlichen Unterkunft mit großen, sauberen Zimmern und moderaten Preisen. Das erste Mal seit Ankunft in Indien kann ich so richtig entspannen, bei einem kühlen Bier im wunderschönen Palmengarten. Jetzt bin ich endlich angekommen – im Indien meiner Träume.

Die nächsten Tage verbringe ich mit Lesen, Träumen und Sonennbaden am Strand von Goa. Hin und wieder fahre ich mit der Rikscha ins benachbarte Dörfchen und lasse mich im kunterbunten Chaos durch die Gassen treiben. Viel mehr ist auch nicht möglich, ich bin bis zum Anschlag erschöpft und die Temperaturen übersteigen die 30 Grad Grenze. Ich treffe andere Reisende und wir tauschen munter unsere Gedanken und Eindrücke aus.

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Strand von Palolem

Die Nächte sind laut und heiß, streckenweise fällt der Strom aus, der Lärm des Generators raubt mir den Schlaf. Wasser gibt es nur tagsüber und im Badezimmer siedeln sich Frösche an – alles ist ganz wunderbar, indisch eben.

Es ist wirklich schön hier – tropisch, üppig und wie in einer längst vergangenen Zeit. Wenn man allerdings genauer hinschaut, leben die Menschen hier auch wie in Slums. Sie haben nur ein bisschen mehr Platz, können sich Schweinchen halten und Kokosnüsse ernten. Ich bin in Versuchung, einfach an diesem Ort zu bleiben und die Tage vor sich hinplätschern zu lassen.

Aber nein – dann treibt es mich doch an und nach ein paar Tagen Erholung geht es weiter – mit einem Zwischenstopp in der Stadt Mangalore nehme ich Ziel auf Cochin. „Die Königin des arabischen Meeres“ – so wird die Stadt auch genannt. Sie besteht aus mehreren Inseln, die mit einer Fähre (Fahrpreis: 7 Cent) miteinander verbunden sind.

Die Altstadt ist ursprünglich, europäisch geprägt, mit charmanten Häusern, Gewürzlagern und Geschäften. Es riecht intensiv und ist ungeheuer bunt! Ich bin mal wieder erschlagen von diesem Land und seinen Menschen… die Nerven sind völlig überreizt.

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Typisch indische Rikscha

Nach zwei Tagen verabschiede ich mich, die Zeit rennt und ich möchte es unbedingt bis zur Südspitze Indiens schaffen. Mit der Rikscha geht es zum Bahnhof, wie immer durch absolutes Verkehrschaos. Alles ist hier Milimeterarbeit bei höchstmöglichem Tempo. Mittlerweile habe ich mich schon fast daran gewöhnt und vertraue auf die Fähigkeiten meines indischen Fahrers.

Bis zum kleinen Städtchen Kollam geht es mit dem Express-Zug, dort steige ich in den Nahverkehrszug. Ich bin wieder einmal fasziniert von dem indischen „Way of Life“. Der Zug ist übervoll und zugig, ich bleibe aus Platzmangel (und um ein bisschen Fahrtwind zu erhaschen) an der offenen (!) Tür stehen.

Das Endziel meiner Reise (ich habe es tatsächlich geschaft!) ist Varkala. Mittlerwele sind es 38 Grad im Schatten, von der hohen Luftfeuchtigkeit ganz zu schweigen… das Hotel, welches ich mir vorher ausgesucht habe, überzeugt mich nicht, also bringt der Rikschafahrer mich zu einem anderen.

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Mein „Paradies“ in Varkala

Wow, ich bin im Paradies! Ein – und zweistöckige Bambushütten und üppiges Grün begrüßen mich. Hier muss ich bleiben, auch wenn die Übernachtung im „Clafouti Beach Resort“ mit 35 Euro eigentlich mein geplantes Budget übersteigt.

Nach der anstregenden Reise gönne ich mir diesen Luxus und ein paar Tage Urlaub an der Südspitze Indiens. Kein Straßenlärm, kein Gestank (trotz Müllhaufen an jeder Ecke), nur Meeresrauschen… Die letzten Tage in Indien verbringe ich am Strand, mit Schlafen und Lesen, gönne mir eine indische Wellnessbehandlung und genieße jede Minute.

Zwischendurch buche ich eine Tour durch die „Backwaters“, kleine Kanäle durch den indischen Urwald. Enttäuschend, ich tappe zum ersten Mal auf dieser Reise in eine echte Touristenfalle und bezahle viel zu viel für eine mehrstündige Tour über einen langweiligen See in sengender Mittagshitze. Schade!

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Ich komme wieder!

Und schon sind die drei Wochen um, ich fliege von Trivandrum nach Mumbai und von dort über Dubai nach Frankfurt. Die 35-stündige Rückreise ohne Schlaf ist anstregend – wie so vieles in den letzten drei Wochen!

Das war sie also, meine Traumreise nach Indien… so anders als erwartet und doch spannend und aufregend! Eine Vergnügungsreise war es wirklich nicht, dafür tief bewegend und voller Kontraste: die Slums in Mumbai, der Traumstrand in Goa, der Müll und Dreck, die farbenfrohe Heiterkeit der Menschen.

„Eine Reise nach Indien ist immer auch eine Reise zu sich selbst“, habe ich mal gelesen. Wie wahr! Trotz aller Anstrengungen und inneren Kämpfe und allem Leid, das mir begegnet ist, hat mich das Fieber dennoch gepackt: Indien, ich komme wieder!