Zuerst war es nur ein Traum: Australien! Endlos weites Outback, Eukalyptusbäume, Koalas und Kängurus, Schnorcheln am Great Barrier Reef, Goßstadtleben in Sydney. Dann ging plötzlich alles ganz schnell. „Work and Travel“ heißt das Zauberwort, unter dem Tausende von jungen Leuten aus der ganzen Welt kreuz und quer durch Australien reisen, mit der Möglichkeit, überall im Land zu arbeiten. Das ist genau das, was ich will!

Also los geht’s: Besagtes Visum besorgen (geht übers Internet), einen billigen Flug suchen (ich wähle einen über Kuala Lumpur, da kann ich mir auf dem Rückweg noch Malaysia angucken), Pass beantragen, Versicherung abschließen und natürlich einen Rucksack kaufen. Beim Packen zählt jedes Gramm, ich orientiere mich grob an einer Urlaubscheckliste, mit 20 Kilo muss ich schließlich knapp ein Jahr auskommen.

Sydney Harbour Bridge

Der 24-Stunden-Flug ist anstregend und meine Stimmung am Boden, als ich im kalten Sydney ankomme. Es ist September und leider noch so richtig ungemütlich in „Down Under“. Das kann ja heiter werden… Trotzdem lasse ich mich nicht unterkriegen und mache mich schleunigst auf die Suche nach einem Job und einer Wohnung.

Und schon vier Wochen später habe ich mich eingelebt: Ich verkaufe Säfte, Smoothies und Suppen in einem total angesagten Laden direkt in der City und werde auch schon nach zwei Wochen in die Managerposition befördert! Hurra! 😉

Habe ein winziges Zimmerchen gefunden, in einem ziemlich heruntergekommenen Viertel, für das ich eine horrende Miete bezahle. Trotz Lohnerhöhung verschlingt diese Stadt mein hart verdientes Geld in Windeseile.

Nicht ganz so nette Wohngegend…

Langsam verwandelt sich die Stadt in ein buntes Glitzermeer – die Weihnachtszeit ist da. Überall tönen die altbekannten Liedern aus den Läden und die Stadt ist total schön geschmückt. Trotzdem will sich bei mir keine Weihnachtsstimmung einstellen – es ist viel zu heiß und regnet dauernd, irgendwie passt das für mich nicht zusammen. Ich gönne mir am Heiligabend das Musical „König der Löwen“, gehe danach zu einem richtig guten Italiener und versuche, mein Heimweh in den Griff zu kriegen. Meine Familie sitzt jetzt gemütlich unterm Weihnachtsbaum, und ich in irgendeiner Kneipe in Sydney, mitten im Hochsommer.

Silvester an der Harbour Bridge

Aber an Silvester werde ich entschädigt. Morgens um 11 Uhr geht’s mit ein paar australischen Freunden auf den Weg Richtung Harbour Bridge. Wir sind (natürlich, um die Uhrzeit) die ersten und bekommen einen fantastischen Platz mit direktem Blick aufs Opera House und die Harbour Bridge.

Das Feuerwek um 0 Uhr ist atemberaubend und selbst nach 13 Stunden Sitzen (und Cocktails trinken) ist die Stimmung noch super. Ein Wahnsinnstag in einer Wahnsinnsstadt!

 

„End of the World“: Wohnblock 1

Aber nun packt mich das Reisefieber, viel zu lange schon bin ich in Sydney. Schließlich möchte ich ja „einmal rum“ fahren in diesem riesigen Land. Also rein in den nächsten Bus, die Küste entlang nach Melbourne. Und schon geht mir auch das Geld aus, na super, das hat ja nicht sehr weit gereicht 😀

Melbourne ist überfüllt, Jobs gibt’s keine. Also probiere ich es mit dem „Fruit Picking“. Obst pflücken – aber wo? „Shepparton“ sagt die nette Auskunft am Telefon, drei Stunden nördlich von Melbourne. Dort angekommen, werde ich auf eine Farm verwiesen. Vier Kilometer außerhalb, kein öffentlicher Transport, kochende Hitze, kein Schatten, Laufen!

Ungemütlich: „Betonzimmer“

Willkommen in der Cornish Road, Ardmona, Moroopna, Greater Shepparton – End of the World! Immerhin bekomme ich mein eigenes Zimmer zugeteilt, für schlappe 20 Dollar pro Woche. Und dann der Schock: DAS soll ein Zimmer sein? 10m², Betonfussboden, eine vergammelte Matratze. Ich könnte heulen. Das war mit Abstand das Widerlichste, was ich je gesehen habe. Ich will wieder weg. Aber ich habe ja kein Geld. Also Augen zu, Birnen pflücken, Geld verdienen und wieder weg.

 

Harter Job: Birnenernte

Die Arbeit ist hart, nein, sogar noch härter. Ich bin fix und fertig. 5.30 Uhr aufstehen, Pflücksack, Sonnenhut und lange Leiter schnappen. Nach zehn Stunden im hohen Baum rumturnen und Birnen pflücken, falle ich abends tot ins Bett. Es wird nach Kilo bezahlt (550kg = 30 Dollar) und ich bin natürlich viel zu langsam… Alle sagen, es wird mit der Zeit besser, aber ich bin fast am Ende.

Mein Gesicht brennt von den Pestiziden, alles ist zerkratzt und dreckig. Die Klos sind eklig, die Küche ist eklig und sonst auch alles. Große, schwarze Spinnen besiedeln das „Badezimmer“, ich dusche immer nur vier Minuten mit Augen zu, bis der Dreck weg ist. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich nur noch Birnen. Ich will zurück in die Zivilisation, aber ich brauche noch mehr Geld…

Und oh Wunder, man gewöhnt sich tatsächlich an alles, langsam wird die Arbeit leichter und ich pflücke schon viel schneller. Und selbst die Menschen um mich herum, diese bärtigen, rauen Gestalten, die professionellen „Fruit Picker“, fangen an mich zu interessieren. Jeder dieser Männer hat seine eigene, meist harte Lebensgeschichte. An manchen Tagen schaue ich in ihre Gesichter und versuche mir vorzustellen, wie wohl welche Falte und Zahnlücke entstanden ist. Sie selbst reden nicht darüber.

Feierabend!

In den letzten Tagen kommt fast so etwas wie ein Familiengefühl auf und ich werde richtig wehmütig. Jeder dieser Menschen hat ein kleines Plätzchen in meinem Herzen und ich bin letztendlich unglaublich froh, dass ich diese Erfahrung machen darf. Ich mag mittlerweile sogar den Betonfußboden, die kaputten Möbel, die dreckige Küche und ja – auch die fetten Spinnen im Klo.

Es folgt der letzte Arbeitstag – geschafft! Mit dickem Plus auf dem Bankkonto und ein bisschen Stolz in der Brust mache ich mich nach sechs Wochen Farmleben auf den Weg zurück in die Zivilisation und gleich auf ins nächste Abenteuer: Outback, ich komme!

Was ich in der roten Wüste Australiens alles erlebt habe, berichte ich nächste Woche im zweiten Teil meines Reiseberichts: „Mein Jahr in Australien“ 🙂

Habt ihr schon bei unserem Gewinnspiel mitgemacht? Hier geht’s lang: Gewinnspiel Australien.