Mit der ganzen Familie in den Urlaub geflogen und dann unfreiwillig auf dem Landweg nach Hause durchgeschlagen? Im Nachhinein ein spannendes Erlebnis (welches ich unbedingt in einem Reisbericht festhalten musste), aber als dies passierte, soll mein Gesicht die Farbe des Bettlakens angenommen haben. Erzählt jedenfalls meine Gabi.

Reisebericht

Grande Hotel de Paris

Das Laken spannte sich damals über mein Bett in dem Grande Hotel de Paris von Porto. Ein pompöser Name für ein heutiges Zwei-Sterne-Hotel, aber toll. Jugendstil, Einrichtungen wie Telefonanlage und Lift-Sperrgitter aus dem vorletzten Jahrhundert und das Ganze neben dem Rathausplatz. An Weihnachten hatten wir die Flüge gebucht: Zürich-Porto-Zürich. Zum Wahnsinnsschnäppchenpreis von 88 Euro inklusive dem obligatorischen Kerosin-Obolus. Abflug an Pfingsten. Damals vor ein paar Jahren war es noch üblich, seinen Rückflug  bestätigen zu lassen. Also, von der Bettkante aus mit Airberlin telefoniert. Eine freundliche Stimme fragte mich schließlich verwundert, warum ich denn schon so früh anrufe. Mein Flug gehe doch erst in einem Monat. Mein Blick fiel auf die Buchungsbestätigung. Oh Schreck, da  stand tatsächlich nicht „Jun“ sondern „Jul“  im Datumsfeld.

Später konnte ich es nachvollziehen: Am PC die Buchungsseite rechts mit dem Cursor runtergeschoben und dabei an das Mausrädchen gekommen und schwups, war ich einen Monat weiter. Na ja, „Jun“ und „Jul“ unterscheiden sich schließlich nicht gravierend und so fiel es nicht auf.

Die Airberlin-Dame klärte mich schnell auf, dass ich weder am  Samstag noch am Sonntag vier Personen in einen Flieger bekomme. Und am Montag begann Schule und Job. Tja, da hätte ich sogar ohne Bettlaken Geist spielen können. Also: Leute, unten beim Frühstück Kriegsrat! Nerven behalten. Um einen Tag zu gewinnen, planten wir die spontane Abreise am Freitag. Gabi und Tochter packten alles aus unseren zwei Zimmern zusammen, ich mit Sohn zum Flughafen, um den Mietwagen abzugeben. Vorher noch die blöde Idee gehabt, doch gleich mit dem Auto bis nach Konstanz zu fahren. Geht im Prinzip schon, nur hätte ich den Wagen wieder in Portugal abgegeben müssen. Also gestrichen.

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Sao Bento

Dann zum Bahnhof. An den Schaltern im ehrwürdigen Sao Bento fühlt man sich schnell als Bittsteller. Um mit dem Mann hinter dem Kläppchen zu sprechen, wird man in die Bücklingshaltung gezwungen. Das ist ganz bestimmt Absicht! Nach langem Erklären und aufwändigem Fahrplanbasteln war die ideale Reise entdeckt. Am Nachmittag ging es los vom Fernbahnhof Campanha mit einem überraschend schnellen Zug in die alte Universitäts-Stadt Coimbra. Da ging’s dann richtig los! Warten auf dem Bahnsteig wie bei Spiel mir das Lied vom Tod.

Der Nachtzug aus Lissabon (nicht wie das Buch Nachtzug nach Lissabon) sollte uns bis an die französische Grenze bringen. Ein Liegewagen-Abteil haben wir noch reservieren können. Kaum eingestiegen, druckste der Schaffner merkwürdig herum. Wir verstanden nur so etwas wie, geht nicht, Probleme, besetzt. Aber wir hatten doch das Abteil 4! Er schlich dann geheimnisvoll zu Abteil 4, dessen Gardinen total zugezogen waren. Ein kurzer Blick verriet uns, dass dort ein stattlicher Mann, eingehüllt von farbigen Stoffen, thronte, so dass Sohnemann mit staunenden Augen von einem „afrikanischen König“  sprach. Da hatte sich der Schaffner offensichtlich verspekuliert. Unsere spontane Buchung war so spontan, dass der Mann das Abteil schwarz weitergegeben hatte. Sicher gegen ein gutes Trinkgeld. Okay, Nachbarabteil bekommen, Gepäck verstaut und los zum Zugrestaurant.

Etliche Waggons weiter über Menschen in den Durchgängen vorbei an flatternden Gardinen der offenen Zugfenster. Es gab nur ein Menü – wahlweise mit Fisch oder mit Fleisch, dazu eine halbe Flasche Rotwein. Irgendwie sogar lecker. Kein Wunder, nach der Aufregung. Mittlerweile zog im Abendrot die trockene spanische Landschaft vorbei. Gestärkt ging es zurück zum Abteil. Die Damenwelt suchte zuvor verzweifelt noch eine begehbare Toilette, die sie mit spitzen Fingern in der Ersten Klasse öffneten. Frühmorgens näherten wir uns dem Grenzbahnhof Irun, dann dem französischen Bahnhof Hendaye. In Spanien hatten wir eine andere Lok erhalten – so eine würde ich mir auf den Golanhöhen nach heftigem Schusswechsel vorstellen – auch wenn es da überhaupt gar keine Eisenbahnen gibt.

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Gare de l’Est

Grenzbahnhof Hendaye, Zwangsaufenthalt um sieben Uhr morgens, Kaffee und Croissants. Weiter mit dem TGV nach Paris. Aber erst einen später, mit dem Anschluss gen Bodensee wird’s knapp. Bis Bordeaux nimmt der TGV Urlauber aus Badeorten auf. Bordeaux bis Paris in einem Rutsch. Grund genug, entspannt ins Bordbistro zu gehen. Flott sind die TGVs schon, aber doch spartanischer als die deutschen ICEs. Immerhin mehr Platz als im Flugzeug. Wir durften uns da nicht beklagen! Paris Montparnasse. Weiter mit Kind und Kegel zur Gare de l’Est. Im letzten Moment den Zug gen Strasbourg erwischt.

Hochtrabend als Paris-Wien-Express tituliert. Da erwartet man schließlich ein echtes österreichisches Zugrestaurant. Nichts da! Der Express entpuppte sich als drei Waggons, die ab Strasbourg an einen anderen Zug gehängt werden. Das heißersehnte Restaurant schrumpfte auf eine kleine Minibar zusammen. Als das meine Gabi kapierte, raste sie los und hat dem verdutzten Mann das halbe Wägelchen abgekauft. Baguettes Käse, Baguettes Schinken, Süßkrams, etliche Wasser-  und Sonst-wie-Flaschen. Schließlich hatten wir vier ja noch eine lange Tour vor uns. Via Blackberry (die gab es kurz nach der Jahrhundertwende) orderte ich in Strasbourg ein Hotel. Wunderbar, im Hotel Pax nicht weit vom Bahnhof waren wir Jahre später noch des Öfteren. Am nächsten Morgen – es war Sonntag – endlich nach Hause, durch den Schwarzwald rüber nach Konstanz.

Erlebnisse pur, viel dazugelernt. Wie sich Menschen, Landschaften, Häuser, Vegetationen auf solch einer Strecke verändern. Im Flugzeug ahnt man das schon nicht mehr. Oder kurz: Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen – oder einen Reisebericht schreiben 😉