Diese Zeilen sollte mein 15-jähriger Sohn lieber noch nicht zu Gesicht bekommen. Meine Sommerferien als Jugendlicher vor fast 40 Jahren sahen so aus: Wenig Geld, getrampt, in Jugendherbergen und neben Autobahn-Leitplanken geschlafen, von Baguette, Wasser und Obst gelebt. Chaotisch, aber mit tollen Erinnerungen. Heute würde man sagen, Erfahrungen gesammelt. Damals wollte ich bloß: raus!

Die ungewöhnlichste Tour unternahm ich mit Frank. Klassenkamerad und wie ich gerade mal 17 Jahre alt. Von zuhause in Münster sind wir erst mit der Bahn nach Darmstadt. Wir wollten die großen Städte hinter uns lassen. Ziel war der Gardasee, weil sich dort ein Bruder von mir sein Studiengeld als Segellehrer verdiente. Es gibt schlimmere Ferienjobs 🙂

Wir sind nie am Gardasee angekommen. Kurz vor der italienischen Grenze merkte Frank, dass sein Portemonnaie futsch ist. Vom Postsparbuch konnte er nur in Deutschland Geld abheben. Also, über Liechtenstein zurück gen Bodensee. Nach Konstanz in die Jugendherberge mit dem großen Turm.

Das erste Mal im Leben – halb ausgehungert – Ravioli genossen. Neues Ziel? Okay, Richtung Le Havre in Nordfrankreich, da meine Schwester dort einen Ableger eines deutschen Chemiekonzerns mit aufbaute. Auf nach Strasbourg. Jugendherberge überfüllt. Nur noch Armeezelte auf dem Vorplatz. Das Ganze anscheinend in einem Gleisdreieck. Züge klackerten die ganze Nacht: Tacktack, Tacktack.

Am nächsten Morgen Daumen raus und Route Nationale gen Paris. Halben Tag gestanden. Niemand wollte uns mitnehmen. Frust schlich sich ein. Da entdeckten wir an unserer Straßenkreuzung, dass es rechts nach Luxemburg geht. Warum nicht? Neuer Versuch, der gleich erfolgreich war.

Also Luxemburg. Wir Jugendlichen waren beeindruckt von der Stadt. Doch die Jugendherberge war für männliche Gäste belegt. Peng! Wieder nichts. Weiter nach Brüssel. Da entstand dann das Foto. Ich vor dem Atomium. Cool. Mit „Affen“ dabei. So nannte man diese seltsamen Rucksäcke, die schon im Ersten Weltkrieg ihren Dienst taten, da aber mit Fell – daher der Name.

Uns juckte das Fell, weiter zu trampen. Nach Holland. Unterwegs in Antwerpen oben an der Autobahn-Abfahrt neben der Leitplanke übernachtet. In so einem alten Bundeswehr-Schlafsack. Schön warm, beleuchtet von dem typischen orangefarbenen Licht der belgischen Autobahn-Laternen. Unten lag das nächtliche Antwerpen vor uns. Am nächsten Morgen haben Frank und ich uns einen Kaffee in einem dieser schönen Cafés gegönnt. Eigentlich bloß, um uns auf deren Toilette Wasser ins Gesicht zu spritzen, um richtig wach zu werden.

Die Weiterreise nach Amsterdam klappte gut. Erst am nächsten Morgen schlich sich bei uns die Ahnung ein, wo wir in der Nacht mit der Christlichen Jugendherberge wirklich gelandet waren. Ungewöhnliche Schaufenster umgaben uns, die wir aus dem katholischen Münster nicht kannten. Wir wäre es noch mit einer Fahrt über den Abschlussdeich, dachten wir uns.

Gesagt, getan. Bevor wir über den Deich zwischen Isselmeer und Nordsse gefahren wurden, statten wir dem Käsemarkt in Alkmaar noch einen Besuch ab. Bisschen Käse essen. Schließlich war unsere tägliche Küche wenig abwechslungsreich. Groningen in Nordholland war jetzt Ziel. Langsam könnte es zurück nach Münster gehen. Am frühen Morgen standen wir in Groningen an der Straße. Es ging ratzfatz. Ich biss noch genussvoll in mein Mars (ein paar zusätzlich Kalorien waren schließlich wichtig), Frank hielt erstmals seinen Daumen raus und der erste hielt sofort.

Ja ja, Richtung Deutschland ist okay. Während der Fahrt fanden wir heraus, dass der Typ Urlaub in Dänemark machen wollte. Och, ja, da könnten wir eigentlich mitfahren. Auch das haben wir noch mitgenommen.

In den Folgejahren trampte ich noch an die italienische Riviera. Freundin besuchen. Über Grenoble und dann Nizza. Tolle Jugendherberge mit Blick aufs Mittelmeer. Überbelegt. Gottseidank, da es da unten ziemlich miefte. Ersatz-Klappliegen oben auf der Dachterrasse: Herrlich! Über Genua wieder zurück ins Westfälische. Später noch nach La Rochelle am Atlantik, ab Orleans an der Loire entlang. Schlösser gucken, Baguette knabbern, billigen Rotwein trinken, La Rochelle genießen.

Kennen gelernt habe ich ganz normale und ganz ungewöhnliche Menschen. Viele Geschichten, viele Lebensläufe. Schulenglisch, Schulfranzösisch und viele Gebärden genutzt, um sich durch zu schlagen. Eines habe ich auch gelernt. Es sind nicht nur Mädchen, die beim Trampen angemacht werden. Manche Hand eines Fahrers kroch langsam zu mir herüber. Da wird’s einem ganz mulmig. Gottseidank war ich nie allein: Frank saß auf dem Rücksitz.

Was würde ich heute meinem Sohn raten? Trampen: Nein! Das ist eh aus der Mode gekommen, seit fast jeder sein eigenes Auto hat und Flüge erschwinglich geworden sind. Doch um völlig verrückt Europa zu „erfahren“, würde ich ihm freiwillig sofort ein Interrail-Ticket finanzieren. Dessen Erfolgsgeschichte jährt sich in diesem Jahr zum 40. Mal. Eine geniale Idee der europäischen Eisenbahnen. Für einen Festpreis einen Monat lang quer durch Europa reisen. Schon damals fuhr man damit nach Südspanien, um anschließend kurz mal im norwegischen Hammerfest nach dem Rechten zu sehen. Danach – dann kann er ja seine erste Pauschalreise bei HolidayCheck.de buchen 🙂