Raus aus der Zone – oder eben nicht



Liebe Freunde des HolidayCheck-Blogs, ich bin Daniel, arbeite im Online Marketing bei HolidayCheck und bin quasi wie die Jungfrau zum Kind zu diesem Blogeintrag gekommen. Ich gehöre nämlich der hier seltenen Spezies der Ost-Deutschen an und man ist anscheinend der Meinung, dass ich zum Thema „Reisen vor und nach der Wende“ einen sinnvollen Beitrag leisten kann. Zwei Gründe sprechen eigentlich dagegen, erstens fehlt mir jegliche journalistische Grundausbildung und zweitens war ich zum Zeitpunkt des Mauerfalls gerade so den Windeln entschlüpft. Ich war 10 Jahre jung. Aber ok, ich kann es ja mal versuchen…Zu Beginn sollten wir uns erstmal mit der „Verordnung über Reisen von Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik nach dem Ausland“ auseinandersetzen. Da heißt es in §6 zum Thema Privatreisen: „Privatreisen nach der Volksrepublik Bulgarien, Koreanischen Demokratischen Volksrepublik, Mongolischen Volksrepublik, Volksrepublik Polen, Sozialistischen Republik Rumänien, Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik, Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken und der Ungarischen Volksrepublik können ohne Vorliegen besonderer Gründe erfolgen, soweit nicht anderes bestimmt ist.“ Ist doch super, wir DDR-Bürger hatten ohne Vorliegen besonderer Gründe (und ohne die nötigen Beziehungen) die Möglichkeit 8 (in Worten: acht) verschiedene Länder zu bereisen. Hört sich an sich ja erstmal nicht schlecht an, vor allem wenn man bedenkt, dass die Sowjetunion mittlerweile auch in eine Vielzahl netter kleiner Länder aufgegangen ist. Wenn ich mich recht entsinne, habe ich zu DDR-Zeiten genau vier der oben genannten Länder besucht (Polen, CSSR, Ungarn & die Sowjetunion). Baden im Balaton, Rundflüge in einer vom russischen Militär ausrangierten Antonow, Campingurlaub in Polen im Klappfix (alle Nicht-Ossis dürfen jetzt kurz googeln) oder Wandern im Riesengebirge, all das sind Urlaubserlebnisse, an die ich mich gern erinnere (…um ehrlich zu sein, Wandern fand ich damals blöd).

daniel_ostseNeben den vielfältigen Möglichkeiten, ins Ausland zu reisen, gab es natürlich für uns DDR-Bürger noch die Möglichkeit, unser eigenes schönes Land zu erkunden. HolidayCheck war damals noch nicht geboren, also waren der Feriendienst des „Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes“ & betriebliche Reiseveranstalter die relevanten Institutionen zur Buchung von Reisen. Um auch wirklich jede Ecke unserer schönen Republik touristisch attraktiv zu gestalten, wurden dann flächendeckend FDGB-Ferienheime aus dem Boden gestampft. Auch diese besuchte ich zur Genüge und gerade die Einrichtungen an der Ostsee sind mir in guter Erinnerung geblieben. Als 6-jähriger Steppke ist es schon ein Erlebnis zu viert mit dem sehnsüchtig erwarteten Trabant über die fast leere Autobahn an so ein großes Gewässer zu reisen, Schiffe zu beobachten und die Usedomsche Nacktbade-Szene live zu erleben. Mittlerweile ist die Ostsee zu Recht eines der beliebtesten gesamtdeutschen Reiseziele.

Eine weitere, von mir gern genutzte Möglichkeit, meine Ferien zu verbringen waren danieldie alljährlichen Aufenthalte in den Pionierferienlagern der DDR. Ich fand diese Art des Urlaubs mit anderen Jungpionieren immer super, auch wenn ich mittlerweile der Meinung bin, dass wir dort eigentlich nur auf spielerische Weise für die sozialistische Grundidee sensibilisiert werden sollten. Ist auch egal, denn ich habe in diesen Lagern auch Dinge gelernt, die später durchaus von Vorteil für mich waren, wie z.B. das Schwimmen und die optimale Zubereitung einer thüringischen Bratwurst!

Dann kam irgendwann das Jahr 1989 und es änderte sich erstmal…nichts. Unser erster Nachwende-Urlaub 1990 führte uns nämlich direkt wieder in die CSSR, wovon mir allerdings außer dem Jubel bei Andi Brehmes WM-Finaltor in irgendeiner tschechischen Stehbierhalle nichts mehr in Erinnerung geblieben ist.

Der erste Urlaub außerhalb des „Ostblocks“ führte mich und meine Familie nach Dänemark in einen Center-Parc. War eigentlich auch ganz toll, aber Unterschiede zu früheren Urlauben waren nicht wirklich auszumachen (außer vielleicht, dass sich der geliebte Trabbi in einen hässlichen Opel Vectra verwandelt hatte und die Fahrt etwas komfortabler vonstatten ging). Weitere Reisen in den Folgejahren führten uns u.a. nach Italien, Österreich & Spanien.

daniel_schanzenEin wirklicher Vergleich zwischen Urlaub vor und nach der Wende ist für mich fast unmöglich. Als Kind ist Reisen etwas ganz Besonderes, Vieles ist neu und (für einen Erwachsenen) alltägliche Dinge sind aus kindlicher Sicht geradezu unfassbar. Aus diesem Grund liebe ich wahrscheinlich auch den Gedanken an die Familienurlaube in den 80-ern. Mir war es damals ziemlich schnuppe, ob ich mir z.B. eine Skisprungschanze in Harachov oder in Innsbruck anschaue. Wäre ich zu diesem Zeitpunkt älter gewesen, hätte mich die Beschränkung meiner Urlaubsziele wahrscheinlich auch zum Nachdenken gebracht. Deswegen war es höchste Zeit, dass der „antifaschistische Schutzwall“ in Berlin am 9.11.89 dem Erdboden gleich gemacht wurde.

Nun, knapp 20 Jahre später hab ich doch schon einige Länder & Kontinente gesehen. Südafrika war toll, Malle war anstrengend und Frankreich eine kulinarische Offenbarung. Aber Polen, Ungarn und Rumänien sind ebenso fantastische Reiseziele. Das Schöne an der neu gewonnenen Reisefreiheit ist ja auch nicht das „in den Westen reisen müssen“ sondern das „können bzw. dürfen“. Meine nächste Reise führt mich jedenfalls nach Lettland….

Kommentare

  1. Kristin sagt:

    Herzlichen Glückwunsch!
    Ich möchte mich herzlichst für diesen informativen, sprachlich sehr ausgereiften und dennoch peppigen Artikel bedanken! Es ist immer wieder eine Freude, solch kecken Journalismus geniessen zu dürfen! Auch die Anregung, Lettland einmal zu besuchen finde ich äußerst erfrischend! Es würde mich freuen, auch in Zukunft weitere Einträge zu brandaktuellen Themen lesen zu dürfen! Ich grüße den Verfasser und danke für den Lesespaß!

  2. Georg sagt:

    Großes Kino!
    Echt schöner Beitrag… hoffentlich nicht Dein Letzter!
    Gruß
    Georg

  3. kleine-anja sagt:

    Herrlich – eine literarische Gaumenfreude! Ich bin auch ein Ostkind und fühle mich gerade wieder 20 Jahre jünger…
    Die Urlaube damals waren klasse! Wer braucht schon die Karibik, wenn man am Schwarzen Meer im weißen Sand buddeln kann?!

  4. Thomas(Bruder) sagt:

    Schicker Beitrag. Bin ja auch immer dabei gewesen nur leider war der Center Park in Holland und nicht in Dänemark. Ansonsten dran bleiben. Deine Berichte waren schon immer was besonderes.

    Axt Thomas

  5. Daniel sagt:

    Das ist natürlich ein unglaublicher Fauxpas. Kann ja auch niemand ahnen, dass du den Blogbeitrag so genau durchliest.

    Ändert aber nichts an der Tatsache, dass der Center Parc nicht wirklich aufregend war :-)

  6. Christian sagt:

    Sehr ordentlich Daniel.Wie immer sind Deine lyrischen Ergüsse mit einer Portion Charme und Witz versehen,denen sich der geneigte Leser kaum entziehen kann. Ich sehe der Deutsch – Leistungskurs bei Frau Hanke hat sich bezahlt gemacht.Hätte ich mal mehr von Dir abgeschrieben,dann hätte ich jetzt auch nen richtigen Job:-)
    Ich freue mich schon sehr auf Deine nächsten Beiträge.
    Viele Grüße aus Altenburg – da steht für Dich immer ein Kaffee bereit.

  7. Christoph sagt:

    Also das mit dem journalistischen Jungfrauendasein kannst getrost vergessen – einer der nettesten Blogeinträge über die ich in letzter Zeit gestolpert bin. :-)

  8. Dude sagt:

    Um mit dem Feriendienst des ‘Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes’ in die Usedomsche Nacktbade-Szene eintauchen zu können.. dafür wünsch ich mir die Mauer dann doch zurück

  9. Kerstin sagt:

    Es ist doch immer wieder erfrischend, Deine witzigen und geistreichen Gedankensplitter irgendwo zu finden. Und so jungfräulich bist Du als Journalist ja nicht, das Amtsblatt war ein idealer Einstieg in diese Szene. Bleib dran!

    Vielleicht verirrt sich ja auch mal wieder was auf die JC-Seite…

    Danke für diesen Blog und viele liebe Grüße aus dem touristisch wertvollen Ostthüringen!

  10. Linda sagt:

    Ja, die Pionierferienlager fand ich auch immer großartig, das Neptunfest hat bei mir nen bleibenden Eindruck hinterlassen.
    Hast Du echt schön beschrieben.

  11. Phil sagt:

    Also du wolltest eine ehrlich Antwort. Hier ist sie!!! Da ich nochmal ein paar jährchen jünger bin wie du und das noch weniger in Erinnerung habe, muss ich sagen das mich dein Blog doch wieder ein bisschen in die Zeit zurück versetzt hat an die ich mich nicht erinnern kann!!! Ich finds wirklich gut das und wie du das gemacht hast!!!
    LG aus Manswood Phil

  12. Croni sagt:

    Sehr schön – eine gelungene Symbiose aus Ostalgie und Urlaubsfeeling – erfrischend…ich werde Dich für Columnen in der ‘Jungen Welt’, ‘FRÖSI’ oder ‘Trommel’ weiterempfehlen *G* Mehr davon!
    Entspannten Gruss aus Hannover,
    André

  13. meister sagt:

    He daniel,
    toller bericht ich als wessi bin froh das die mauer weg ist
    hätte dich sonst nicht kennenlernen dürfen :-( (
    Mach weiter so
    bis die tage
    m

  14. Nina sagt:

    Mensch Daniel! Freude am lesen – vielleicht solltest Du deine journalistische Zukunft doch noch einmal überdenken und die Zahlen an den Nagel hängen ;-) . LG von drüben!

  15. Sieglinde sagt:

    Hallo Daniel,
    einfach erfrischend Deine Darstellung über Ost-Reisemöglichkeiten und Vergleich zum “Nach-Wende-Urlaub”!
    Gehöre der Generation an, die das ganze bisherige Leben im “Osten” erlebt hat und kann Deine Erinnerungen aus dieser Zeit absolut als treffend bestätigen. Aber eins muß ich zu meiner Schande gestehen, wußte gar nicht, daß wir so viele Länder bereisen durften! Ob es vielleicht am nötigen Willen und Kleingeld meiner Eltern lag?
    Wünsche mir von Dir weitere so tolle Berichte!
    Grüße aus OSL
    Sieglinde

  16. SteffK sagt:

    Hallo Daniel,

    Zufall oder Schicksal, warum kann ich mich nach Grenzöffnung auch nur an Urlaube in Österreich, oder Italien erinnern?
    Flugreisen kamen irgendwie erst später. Aber nun zum Beruf gemacht. LG aus RC!

  17. reiselilly sagt:

    Hallo Daniel,

    für mich als Wessi, gab es in den 60igern und 70igern Urlaub in der “Ostzone” bei Oma und Opa auf dem Land. Für mich als Stadtkind war das super. Ein Haus mit Garten und Kleinvieh, und Oma, Opa, Tanten und Cousinen die sich liebevoll um mich kümmerten. Ein Ausflug in die nächst größere Stadt (Magdeburg) zum Eisessen, oder im Intershop einkaufen, habe ich heute noch in Erinnerung.
    Als Kind habe ich keine Mißstände gesehen, und für mich war es toll bei euch zu urlauben.
    Leider war ich seit der Wende nicht mehr dort, weil es Oma und Opa nicht mehr gibt, und die restliche Verwandschaft mittlerweile im Westen lebt.

    LG
    reiselilly

  18. Holzmichel sagt:

    Sehr schöner Bericht, lieber Daniel!

    Und Du hast es so formuliert, wie man diese Zeit bis 1989 aus kindes- und jugendlichen Augen nur sehen konnte: ehrlich und rein !!
    Einzig Deine Titelüberschrift “Zone…..” hätte ich sicher anders gewählt!
    Natürlich wäre auch noch Manches dazu zu ergänzen und auch zu differenzieren – aber es würde Niemanden helfen, diese damalige Zeit besser zu verstehen.

    Jedenfalls super Beitrag – Danke !!

    Erwin – der 1957 in diesem Teil Deutschlands geboren wurde!

  19. Winnie sagt:

    Weiter so!!! Deine sicherlich mühsamen Recherchen, um der historischen Korrektheit Rechnung zu tragen, finde ich einen journalistischen Bachelor Abschluss wert. Übrigens: Dänemark war nicht abwägig. Schließlich waren wir da auch in nem Ferienhaus mit Grün rundrum. Ich erinnere mich an einen Schaukelreifen, den 3 Jungs versuchten gleichzeitig zu erobern.
    Liebe Grüße, Winnie

  20. Rene sagt:

    Da kann ich mich nur anschließen ein Unterhaltsammer und Informativer Text der seines Gleichen sucht. Ich denke man muss deine Sensibilität im Umgang mit dem Thema DDR hervorheben da gibts ja unterschiedliche Meinungen. Das Foto von dir ist zwar net ganz so Profesionell wie von deinen Kollegen, aber meiner persönlichen Meinung ist das wahrscheinlich der Beste jemals verfasste Blogeintrag aller Zeit

  21. Mühlengeist sagt:

    Guter Beitrag, auch ich erinnere mich noch an Zeiten mit außer Haus Quartier 6 km von der Verpflegungsstelle des FDGB weg, Ferien im Betriebseigenen Bungalow aber auch an Jugendtouristreisen nach Moskau und Minsk. Und genau wie bei vielen anderen hier führten die ersten Reisen nach der Wende nicht per Flieger in die weite Welt sondern erstmal nach Bayern und Österreich.
    Es ist doch schön, das man heute überall hin reisen kann, und ganz nach seinen Möglichkeiten und Wünschen, und nicht danach wohin einen die Ferienkommission verschickt, verreisen kann.

    Birgit (Jg.1963)

  22. Klingeling sagt:

    Einer der besten Artikel in diesem Blog!

  23. Ein wirklich lesenswerter Beitrag, wenn da mal nicht ein Talent entdeckt wurde ;-)

    Der geplante Trip nach Lettland ist übrigens ganz sicher eine gute Idee. Die Hauptstadt Riga beispielsweise ist wunderschön. Ich behaupte sogar, dass es in Europa nicht allzu viele Städte gibt, die noch viel ansehnlicher sind. Und (das passt jetzt gut zum Artikel) ein guter Teil davon dürfte sich im sogenannten alten “Ostblock” befinden. Wenn ich so an Prag und Budapest denke.

    Weiter so !

  24. [...] dem Mauerfall waren es für die einen Ziele wie die Ostsee und Bulgarien (wir erinnern uns an den lebhaften Erfahrungsbericht unseres Mitarbeiters Daniel), für die anderen Spanien und Italien. Heute will ganz Deutschland in [...]

  25. Blacky sagt:

    Auf den Punkt…

    …getroffen hat der Daniel mal wieder die Befindlichkeiten der Kinder aus der SBZ (sowj. Besatzungszone, deswegen ist die Zone vollkommen richtig).

    Schön Substanz eingebaut und die Reiseverordnung zitiert. Trotzdem genug Prosa um eigene Erlebnisse lebendig werden zu lassen und die Leser in die Tage der Kindheit entführt. Sogar die, die keine Reisebeschränkungen über sich ergehen lassen mussten, können sich da hinein versetzen. Und ehrlich: welches Kind braucht denn wirklich eine Flugreise um über irgendetwas zu stauen und sich zu freuen mit seinen Eltern oder neuen Urlaubsfreunden Blödsinn zu machen? Hervorragend und Danke Dir. Grüße, Blackstar