Der Weg war hart und heiß, übers Meer und durch die Wüste – aber sie haben es geschafft! Die beiden Teams, die wir Ende Dezember zu der diesjährigen Dust and Diesel Rallye an den Start geschickt haben (hier könnt ihr den Artikel nachlesen: „Dust and Diesel: Mit dem Auto durch die Wüste„), sind vor einigen Wochen wieder wohlbehütet zu Hause angekommen. Nachdem André, Peter, Kerstin und Michael die vielen Eindrücke und Bilder in Ruhe verarbeitet haben, gibt es heute für euch einen spannenden Einblick in das Rallye-Tagebuch von Kerstin.

Fahrtzeit: ca. 12 Stunden
25.12.11

Sightseeing in der Geburtstadt von Dali

Das wüschteSchiff eins startet direkt an Heiligabend, wüschtesSchiff zwo folgt am ersten Weihnachtsfeiertag. Bei bestem Wetter, schneefreien Straßen und immer der Sonne entgegen, geht es durch die Schweiz nach Frankreich über die Grenze bei Annecy. Vorbei an Avignon und Marseille immer schön in Richtung Spanien. Pausen werden nur gemacht, um den Motor mit neuem Sprit zu füttern.

Spät abends passieren wir dann die spanische Grenze und checken in Figueres ein, der Geburtsstadt Salvador Dalis, ins gleiche Hotel wie unsere Team-Kollegen Peter und André. Juchee – wir sind vereint und können unseren Weg nun gemeinsam fortsetzen.

Fahrtzeit: ca. 7 Stunden
26.12.11
Nach einer kleinen Stadtbesichtung am nächsten Morgen satteln wir das Gepäck und los geht es Richtung Meer. Diesen ersten Meerwasserkontakt feiern wir zünftig mit einem ordentlichen Vesper direkt am Strand. Danach geht es weiter Richtung Barcelona und Valencia. Abends erreichen wir unseren nächsten Treffpunkt: einen Campingplatz in Oropesa del Mar. Jetzt wird es ernst! Premierennacht für unsere beiden neu gekauften Team-Zelte. Es ist allerdings so kalt, dass schlafen nur mit Mütze auf dem Kopf funktioniert. Zum Glück haben wir alle vier unsere kälteerprobten Daunenschlafsäcke dabei.

Fahrtzeit: ca. 8,5 Stunden
27.12.11
Vom Meer weg führt unsere nächste Etappe über die Straßen der Sierras, die an zerklüftete Mondlandschaften erinnern. Die Straße führt stundenlang hoch und runter durch Landschaften, in denen fast niemand zu wohnen scheint. Zu dem Zeitpunkt konnten wir noch nicht ahnen, dass uns diese menschenleere Landschaft auf dem afrikanischen Kontinent noch viele Tage begleiten würde…

Nach all dem eintönigen Graubraun freut sich das Auge umso sehr, als es zurück zum Meer ging und die Landschaft wieder lieblicher wurde. Pünktlich zum Sonnenuntergang erreichen wir Nerja. Hier verbringen Michas Eltern ihren Winterurlaub und wir können zum letzten Mal für eine lange Zeit in einem richtigen Bett im Gästezimmer übernachten.

Fahrtzeit: ca. 4 Stunden
28.12.11

Unser „letzter“ Nachmittag auf europäischem Boden

Wir werden essens- und wärmetechnisch noch einmal so richtig verwöhnt und ziehen gestärkt und hochmotiviert mittags los zu unserem Etappenziel, an dem wir die anderen Rallye-Teams treffen und kennenlernen. An Malaga und Marbella vorbei, geht es auf der Autobahn Richtung Cadiz. Heute ist es noch grüner und schöner und man versteht, warum diese Gegend gerne von kälteempfindlichen Menschen zum Überwintern genutzt wird.

Ein Campingplatz in Tarifa ist unser letzter Halt auf europäischem Boden. Als wir eintreffen, sind schon einige Teams am Start und wir werden freudig begrüßt und beäugt. Die erste Fahrerbesprechung für den nächsten Tag steht an und wir bekommen erste Instruktionen. Als die Nacht anbricht, wird klar, dass es wieder ziemlich kalt wird. Spanien ist nichts für Warmduscher und lange Unterhosen + Mütze die Mittel der Wahl im Zelt.

Fahrtzeit ca. 6 Stunden
29.12.11

Wir und unsere Autos verlassen europäischen Boden

Morgens 6.30 Uhr ist Abfahrt Richtung Fähre Tarifa. Wir sind bereit den europäischen Boden zu verlassen – das Abenteuer Afrika liegt in sichtbarer Nähe auf der anderen Seite der Straße von Gibraltar. Mit der Schnellfähre und ca. 60 kmh dauert die Überfahrt eine gute Stunde.

Die Einreise mitsamt den Zollformalitäten funktioniert reibungslos, leider dauert es dann relativ lange, bis wir unsere Versicherung für Marokko abgeschlossen haben. Die Versicherungsdame in ihrem Container lässt sich gerne und permanent von ihrem Telefon und Marokkanern ablenken, die nicht alle Unterlagen zusammen haben und durch nettes Geplauder versuchen, trotzdem an den grünen Versicherungsschein zu kommen. Wir lernen – Geduld und Muße sind wichtig in Afrika und werden in den nächsten Wochen unsere ständigen Begleiter werden.

Halt in der Stadt Chefchaouen

Weiter geht’s auf afrikanischem Boden.Gleich der erste Kreisverkehr fordert höchste Konzentration – auf einer Doppelspur wird vierspurig wild durcheinander gefahren – aber es funktioniert ohne große Schäden. Augen zu, draufhalten, hin und wieder die Hupe betätigen und wie durch Zauberhand kommt man „hinten“ unbeschadet raus.

Unser Weg Richtung Fes wird durch einen kleinen Abstecher über die Stadt Chefchaouen – die bis vor einigen Jahren für Europäer verbotene „Heilige Stadt“ – unterbrochen. In völliger Dunkelheit kommen wir auf dem Campingplatz in Fes an. Zum Glück gibt es ein großes Feuer. Mittlerweile herrschen Minusgrade und die 3 Duschen führen nur kaltes Wasser – aber Waschen wird sowieso überbewertet, man kann es ruhig mal ausfallen lassen 😉

Ruhetag Fes
30.12.11

Das Gerberviertel von Fes

Zum Glück lässt sich die Sonne ziemlich früh blicken und taut das Eis von den Scheiben und vom Kaffeewasser. Unser erster Ruhetag wird gefüllt mit einer Stadtführung durch die Königstadt Fes. Ein marokkanischer Freund unseres Reiseorganisators und drei kleine Reisebusse entführen uns zum Palast des Königs und zur alten Festung mit toller Aussicht auf die Stadt. Danach geht’s zum Gerber-Viertel – das aufgrund der kalten Temperaturen zum Glück nicht so abartig stinkt wie uns im Vorfeld „versprochen“ wird.

Der Stadtführungs-Ausflug hat seltsamerweise auch wieder den ganzen Tag gedauert und am späten Nachmittag wird es auf dem Campingplatz schon wieder empfindlich kalt. Am Feuer werden große heiße Steine und kleine Wasserflaschen als Wärmflaschen vorbereitet, um die anstehende nächste kalte Nacht einigermaßen unbeschadet zu überstehen.

Fahrtzeit ca. 9 Stunden
31.12.11

Unsere Tour führt durch Ifrane

Nachdem alle Scheiben freigekratzt sind, geht es über den mittleren Atlas nach Marrakesch. Die Straße führt uns nach Ifranè – dem königlichen Skigebiet, das stark an den Schwarzwald erinnert. Der König scheint vor Ort zu sein, alles ist beflaggt und wir werden von Polizei und der königlichen Garde in Augenschein genommen.

Nachdem wir die vereisten Passstraßen hinter uns gelassen haben, wird die Landschaft sanft hügelig und grün. Alte Mercedes vom Typ W123 und /8 tuckern als vollbesetzte Taxis vor uns her, neben der Straße tragen vollgepackte Esel ihre Last nach Hause. Überall hüten Schäfer kleine Herden von Ziegen oder bestellen Bauern winzige Landparzellen. Es wirkt idyllisch und landwirtschaftlich – die Menschen scheinen sich selbst ernähren zu können.

Ruhetag Marrakesch
1.1.12

Ein uraltes Mercedes 123-Taxi fährt uns ins Stadtzentrum Marrakeschs: Eine Märchenstadt aus 1001 Nacht empfängt uns. Schon die ersten Schritte in die Medina – das dunkle, undurchsichtige Gassengewirr der Altstadt – sind unglaublich. Exotische Gerüche, Menschen, schillernde Farben, Taschen, Schuhe, Tücher, gehämmertes Silber und Bronze – der Überfluss an allem umfängt und beeindruckt uns – wir lassen uns treiben.

Wir sehen Schlangenbeschwörer, Geschichtenerzähler, Schlitzohren und Bettler. Modern angezogene Business-Menschen und tiefverschleierte Frauen. Diese unglaubliche Vielzahl an verschiedensten Eindrücken lässt den Tag wie im Flug vergehen. Müde bahnen wir uns unseren Weg durch die dunklen Gassen zurück zur Straße und unglaublicherweise finden wir in dieser Fast-Millionenstadt „unseren“ Taxifahrer vom Vormittag, der uns zum Campingplatz zurück bringt. Man trifft sich offensichtlich wirklich immer zweimal im Leben 😉

Fahrtzeit ca. 9 Stunden
2.1.12

Kamele haben immer Vorfahrt!

Wir fahren den ganzen Tag durch eine trockene, steinige Landschaft. Unterbrochen wird die Fahrt nur durch tanken und den Einkauf von Lebensmitteln und Wasser. Kurz vor Dämmerung stoßen wir auf die Schotterpiste, die zum nächsten Campingplatz führt. Unsere zusätzlichen Strahler auf dem Dach kommen zu ihrem ersten Einsatz. Mit „normaler“ Fahrzeugbeleuchtung wäre diese Piste nicht ohne größeren Pannen zu fahren gewesen. Nach ungefähr 50 km taucht wie aus dem Nichts aus der Dunkelheit ein altes französisches Fort auf. Es wird von einem ehemaligen Paris-Dakar-Fahrer als Herberge für Afrikareisende betrieben. Wir freuen uns über ein ordentlich großes Feuer, das uns empfängt, denn auch in dieser sternenklaren eiskalten Nacht werden die Temperaturen wieder unter 0 Grad fallen.

Fahrtzeit ca. 7 Stunden
3.1.12

Typische Straßenszene: Vollgepackte Pickups und Autos

Todesmutig wasche ich heute meine Haare in der Morgendämmerung mit eiskaltem Wasser. Pfui Spinne! Aber bei den nächsten Campingplätzen wartet nur noch Salzwasser auf uns.

Unser erster Streckenabschnitt führt über eine Schotterpiste zu einem kleinen Fluss, der dank der Höherlegung der Autos gut überquert werden kann. Der nun folgende Streckenabschnitt nach Laayoune ist unglaublich. So weit das Auge reicht führt die Straße geradeaus. Sand, Steine und vereinzelt Kakteen – mehr gibt es nicht zu sehen. Wir sind in der Westsahara angekommen!

Hin und wieder stinkt es mitten in dieser Sandlandschaft unglaublich nach Fisch. Das liegt an den Ausweichbuchten, die in regelmäßigen Abständen die Straße säumen. Diese Buchten wurden gebaut, damit die Fisch-LKWs ihr Fischwasser ablassen können, ohne die Straßen in schleimige Pfützen zu verwandeln. Fischwasser ist getautes Eis vermischt mit Fischschleim und Blut. Der Gestank ist unbeschreiblich – so muss sich Grenouille aus „Das Parfum“ im Mittelalter gefühlt haben.

Irgendwann taucht rechts neben der Straße das Meer auf. Eine riesig hohe Steilküste, an der wir stundenlang weiter geradeaus fahren. Auf der holprigen Sandpiste, die zum Campingplatz führt, verliert das „wüschte Schiff eins“ seinen Auspuff – er kann später zum Glück aber wieder mit Tütteldraht fixiert werden. Leider gibt es hier Sandflöhe und die zerstochenen Hände werden mich noch eine Weile auf meiner Reise begleiten.

Fahrzeit ca. 6,5 Stunden
4.1.12

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Schotterpiste

Nach einem tollen Frühstück im bunten Beduinen-Zirkuszelt geht es „on the road“. Stunde um Stunde geradeaus vorbei an Sanddünen, Sandhügeln, Sandbrocken – gegenüber kilometerlange Strände und Steilküste. Unterbrochen wird das ganze nur durch entgegenkommende LKW, die einen aufgrund der Luftbewegungen förmlich ansaugen, beim Vorbeifahren durchschütteln und hinten mit einer Ladung Sand wieder ausspucken.

Wir kommen an einem Unfall vorbei. Der Fahrer ist wohl mit einem Rad neben die Straße gekommen, das Auto hat sich überschlagen, er ist tot. Diese geraden Straßen, die streckenweise in einem schlechten Zustand sind, dürfen nicht unterschätzt werden. Wir passieren einige Polizeikontrollen und müssen neben „Fiches“ – das sind Formulare, die alle Daten über die Personen und das Fahrzeug enthalten – auch kleine Geschenke (z.B. Kugelschreiber, Mützen, Schreibblöcke) abgeben. Unsere HolidayCheck-Aufkleber werden aufmerksam begutachtet und wir werden gefragt, ob wir eine eigene Rallye organisieren.

Wir erreichen Dakhla – das marokkanische Surf- und Kite-Mekka. Unser Campingplatz liegt direkt am Meer. Riesige Wellen, aber leider so kalt, dass es stark an die Ostsee erinnert. Zum Glück sind die Tagestemperaturen nun so angenehm, das man nicht immer Fleece tragen muss. Auch nachts wird es nun erträglicher.

Ruhetag Fes
5.1.12

In dieser Werkstatt wurde der Auspuff des WüschteSchiff Eins geschweißt

Eine Reihe Autos – darunter das wüschteSchiff eins – müssen heute in die Auto-Reparatur-Werkstatt des Vertrauens unseres Reiseorganisators. Der Auspuff muss geschweißt werden, damit die nächsten Etappen in der Wüste ohne Komplikationen überstanden werden können. Die Werkstatt findet sich leicht, den Weg zu ihr weisen einige „Auto-Leichen“, die an der Straße geparkt sind und vielleicht in einigen Jahren noch einmal zum Leben erweckt werden?!

Hoffentlich hauchen unsere Rallye-Autos hier nicht auch ihren Geist aus – aber im Nachhinein betrachtet geht alles gut. Es wird geschweißt und gedängelt, auf den ersten weiteren Etappen hält alles. Erst bei stärkerer Beanspruchung im Sand stellt sich der Zustand vor der Reparatur wieder ein. Aber da sind wir ja auch schon wieder einige hundert Kilometer gefahren.

Den Stadtbesuch verbinden wir mit einem Einkauf für die ersten Tage in Mauretanien. Gemüse, Wasser und Brot stehen auf der Liste und wir finden alles in der örtlichen Markthalle. Dort kann man auch für Europäer nicht wirklich appetitliche Dinge kaufen: Kamelhoden, Kuhhirn mitsamt offenem Kuhschädel, kleine abgezogene Lämmer am Stück, Sepia in Tinte oder lebendes Federvieh. Diese Delikatessen riechen so angenehm wie sie aussehen und jeder ist froh, als der Einkauf beendet ist.

Dakhla wurde in den letzten Jahren zum Ibiza Marokkos ausgebaut und beim Kaffeetrinken an der Promenade lassen sich Wellenreiter, Kitesurfer und Surfer beobachten. Bei diesem Anblick vergisst man fast, dass man in Afrika weilt. Diesen Umstand bemerken wir aber sofort wieder, sobald wir den Campingplatz erreichen. Aufgrund des Wassermangels, der dort herrscht, können die Stehtoiletten und Duschen nur genutzt werden, wenn niemand am Außenwaschbecken das Wasser aufdreht – sonst heißt es solange eingeschäumt warten, bis der Abwasch erledigt ist. Körperpflege muss gut getimed und abgesprochen werden. Aber wie bereits gelernt, wird Waschen sowieso überbewertet 😉

Fahrtzeit ca. 5 Stunden
Dauer an der Grenze ca. 6 Stunden
6.1.12

Im Niemandsland

In der Morgendämmerung brechen wir auf. Heute überqueren wir die Grenze zu Mauretanien.
Durch die Westsahara bläst Wind, die Luft ist sandgeschwängert und dunstig. Sobald bei kleinen Pausen Fenster oder Türen aufgemacht werden, ist feinster Sand im Auto. An der letzen marokkanischen Tankstelle vor dem Grenzübertritt werden alle Tanks und Reservekanister befüllt – in Mauretanien ist die Diesel- und Benzin-Versorgung nicht immer optimal und keiner von uns hat Lust, wegen der Kleinigkeit „Spritmangel“ liegen zu bleiben.

An der marokkanischen Grenze reihen sich alle 25 Rallyeautos in die bereits wartende Auto-Schlange ein. Die Autos sollten nicht verlassen werden und wir vertreiben uns die Zeit mit Lesen und Schlafen. Nach ca. 3 Stunden dürfen wir die erste Grenze passieren.

Verunfallte Autos werden liegengelassen

Wir fahren im Konvoi auf verminten Schotterpisten durchs Niemandsland. Überlebenswichtig ist hier, die ausgefahrene Spur nicht zu verlassen. Es sieht aus wie auf dem Mond. Die trockene, staubige, graue Landschaft wird nur durch Stacheldraht, riesige Altreifenberge, Müll und zerborstene Autoleichen unterbrochen. Wahnsinn – etwas Vergleichbares habe ich noch nirgendwo sonst auf der Welt gesehen.

Wir kommen an der mauretanischen Grenze an und es heißt erneut warten. Nach weiteren 3 Stunden dürfen wir einreisen – Mauretanien wir kommen. Und wie! Ab sofort gilt, wir fahren unter Aufsicht und betreut durch dieses Entwicklungsland, damit keiner von uns zu Schaden kommt. Der Tourismusminister erweist damit der sozialen Arbeit des Vereins AEPN seine Ehre. Unsere Autos werden zugunsten des Vereins verkauft, AEPN unterstützt mit dem Geld karitativ Einrichtungen für Kinder in Mauretanien und das möchte der Minister sichtbar „belohnen“. Voraus fährt ein Polizeiauto, wir Rallye-Teilnehmer zwischendrin mit Warnblinklicht und hinten wiederum ein Polizeiauto. Ein offizieller Staatsgast kann sich nicht anders fühlen als wir.

Müll ist die Hauptnahrungsquelle von Ziegen und Eseln

Es geht einige Zeit durch die Wüste. Der zunehmende Müll am Straßenrand und ein Polizeiposten – durch den wir zügig durchgewunken werden – zeigen an, dass wir uns der Stadt Nouadhibou nähern. Der Straßenrand besteht aus Müll, zwischendrin Esel und Ziegen, die mangels jeglichen Grüns Plastik fressen.

Die Menschen, die am Straßenrand stehen, winken und freuen sich ob der Attraktion blinkender Autos. Kein Wunder, unsere Autos sind auch einigermaßen hübsch anzusehen. Die restlichen Autos, mit denen wir uns die Straße teilen, sind zerbeult, demoliert und nicht mehr ganz vollständig (gerne fehlen Stoßstangen oder Lichtgläser) – in Deutschland würden sie längst auf dem Schrottplatz stehen. Himmel! Hier müssen unsere Autos nun ihre letzten Jahre verbringen.

Unser Campingplatz mitten in der Stadt besteht aus einem umzäunten Sandplatz, vor dem sich nach unserer Anreise die bewaffnete Polizei postiert. Es gibt den Luxus warmen Wassers und einen Steinwurf entfernt eine Moschee, von der pünktlich der Muezzin ruft. Nachts durchschlafen ist dank ihm und schreienden Eseln fast nicht möglich.

Ruhetag Nouadhibou
07.01.12

Bei der Besichtigung des AEPN Waisenhauses

Um 10.00 Uhr starten wir, um das AEPN-Kinderheim zu besuchen und im Anschluss den Bauplatz für das geplante Kinderhaus zu besichtigen. Durch die Stadt fahren wir im bereits gewohnten Konvoi: Polizei – Autos mit Warnblinklampen – Polizei. Wir fallen auf wie bunte Hunde und es ist garantiert schon stadtbekannt, dass Florian und seine Rallye wieder in der Stadt weilen.

Am Kinderheim werden wir von den Verantwortlichen begrüßt und dürfen dann die betreuten Kinder in ihren Räumen besuchen. Zuerst sind die Kleinen etwas schüchtern, aber nachdem die ersten Hände geschüttelt und Fotos auf den Digitalkameras angeschaut sind, tauen sie auf und freuen sich. Sie sind so herzig, das man gerne alle mit nach Deutschland nehmen würde. Wir übergeben die Sachspenden, fahren weiter zum Bauplatz – bei dem es neben seiner Größe und einer provisorischen Holzhütte noch nicht viel zu sehen gibt – und zurück geht’s zum Campingplatz.

Nachmittags kommt der Autoaufkäufer. Nach zwei Stunden ist die Show vorbei. Er hat alle Autos kurz angeschaut, nur sehr wenig Fragen gestellt und insgesamt an die 18.000 Euro ausgegeben. Leider sind wüschtesSchiff eins und zwo Benziner. Diese Fahrzeuge sind nicht sonderlich begehrt in Mauretanien, als erstes wird der Motor ausgebaut und gegen einen Dieselmotor ersetzt. Ganz egal wie gut der Benziner noch ist und ob hinterher der Diesel läuft….

Autoverkauf auf mauretanisch

Nach dieser Verkaufsaufregung kommt man in der näheren Umgebung des Campingplatzes beim Wasserkauf mit bitterster Armut in Kontakt. Ausgemergelte Ziegen und Esel stehen knietief fressend im Müll. Kleine Kinder spielen in den Slums in Dreck und Müll und in den kleinen Eckläden huschen Insekten und Krabbeltiere über die Waren. Nur gut sind alle Wasserflaschen, die wir für die anstehende Wüstenetappe kaufen, noch versiegelt.

Abends sind wir alle bei Abda (der Leiter des Kinderheimes) zum Essen eingeladen. Im Beduinenzelt, das zwischen die Häuser einer kleinen Straße gespannt ist, werden wir bewirtet. Auf großen Platten wird Dromedar mit Couscous serviert, wir essen auf dem Boden sitzend mit den Fingern, es schmeckt würzig und gut. Auf dem Heimweg zu Fuß werden wir von „unseren“ Polizisten eskortiert.

Fahrtzeit ca. 6,5 Stunden
08.01.12

Die nächsten 2,5 Tage verbringen wir mitten in der Wüste bzw. im Strandcamp. Nachdem wir Nouadhibou mit all seinem Müll, seinen flachen Häusern und seinen Schrottwägen, die immer noch fahren, hinter uns gelassen haben, geht es bis zum nächsten Polizeiposten auf der Teerstraße. Dann rechts von der Straße runter und die Luft aus den Reifen gelassen. Mit einem Bar Luftdruck fährt es sich wohl ganz gut auf Sand.

Mittlerweile sind aus den „normalen“ Polizeiautos zwei Pickups mit je fünf bewaffneten Polizisten geworden, die in der Sahara unsere ständigen Begleiter sein werden. Unser Organisator gibt den Startschuss und es geht los. Hin und wieder muss er den Kurs korrigieren, Weg- oder Fahrzeugspuren sind nicht zu erkennen, wir fahren rein nach GPS-Daten. Da der Sand auf diesem Streckenabschnitt relativ hart ist, staubt es zwar schon ganz ordentlich, aber festfahren tut sich niemand.

Hinter einer großen Sanddüne, die aussieht, als wäre sie einer Filmkulisse entsprungen, schlagen wir unser Nachtlager auf. Der Sonnenuntergang und der aufgehende Vollmond von dieser Düne aus betrachtet sind atemberaubend schön. Da eben dieser Vollmond die Wüste in helles Licht taucht, bleibt uns der so oft beschriebene unglaubliche Sternenhimmel leider vorenthalten. Er lässt sich bei der fast taghellen Mondbeleuchtung nur erahnen. Die Nacht ist unglaublich ruhig und friedlich, nur die Gebete unserer Polizisten – die sich rund ums Camp positioniert haben und aufpassen – lockern die Stille etwas auf.

Fahrtzeit ca. 10 Stunden
09.01.12

Nach unserer Nacht im Wüstencamp

Noch vor Sonnenaufgang müssen wir aufbrechen, da dann der Sand noch feucht und fest und der Weg anscheinend weit ist. Zum Glück ist es mittlerweile nachts nicht mehr ganz so kalt. Zwar noch einstellige Temperaturen, aber keine Minusgrade mehr. Man schläft deutlich entspannter. Die wichtigsten Regeln „fahrt nie auf eine unbewachsene Sanddüne“ und „lasst genügend Abstand, damit ihr im Fluss bleiben könnt, selbst wenn der Vordermann eingefahren ist“ werden erst im Laufe des Vormittags beherzigt. Davor wird kreuz und quer mit Vollgas und Kurven gefahren, im Sand fahren macht unglaublich Spaß!

Die Trockenheit der Wüste überträgt sich direkt auf den Körper. Man kann viel Wasser trinken, ohne auf Toilette zu müssen. Gegen Mittag muss die erste hohe lose Düne überquert werden. Einige Autos bleiben hängen und müssen freigeschaufelt werden. Wir schaffen dieses Hindernis, bleiben aber im nächsten weichen Streckenabschnitt liegen. Eingegraben bis zum Bodenblech – puh, das Ausgraben per Schaufel ist super anstrengend und ohne die Anschiebhilfe des folgenden MB100-Teams ständen wir wahrscheinlich heute noch dort.

Durch die Hitze und den Sand in der Luft kommt es zu Fata Morganas. Unglaublich, man glaubt wirklich in einiger Entfernung Wasser ausmachen zu können, wie schrecklich muss diese Erscheinung kurz vor dem Verdursten sein. Nach einiger Zeit kommt aber wirklich das Meer in Sicht. Eine große Sanddüne muss noch überquert werden, dann steht man auf der Strandpiste, die direkt neben dem Meer durch einen Teil des Nationalparks Banc d’Arguin führt. Auf dieser Sanddüne verlieren wir unseren Auspuff und in der Folge darauf die Stoßstange. Ab sofort fahren die beiden Teile auf dem Dachgepackträger mit. Optisch und soundmäßig nähern wir uns nun einem „richtigen“ Rallyeauto an.

Stundenlang fahren wir auf dieser Strecke. Rechts das Meer, links die Wüste mit riesigen Sanddünen aus feinstem Puderzuckersand. Kurz bevor die Flut kommt, haben wir unseren Übernachtungsplatz erreicht. Mit Anlauf und Schwung geht es von der Strandpiste hinauf auf höher gelegene Strandabschnitte, die von den großen Brandungswellen nicht erreicht werden. Dieser hübsche Platz direkt am Meer wird uns die nächste Zeit beherbergen.

Ruhetag Strandcamp
10.01.12

Der Tag beginnt mit einer ordentlich steifen Brise, die den feinen Sand im Zelt, im Rührei, im Kaffee, in den Ohren, in den Haaren – kurz einfach überall hin verteilt. Das Meer hat kühle Ostseetemperatur und nur abgehärtete Rallyefahrer gehen Baden. Beim Erklettern der hohen Dünen direkt am Meer lassen sich die unterschiedlichsten Sandfarben der Sahara ausmachen und wie die Muschel-Abbruchkante auf die Dünen kommt, bleibt ihr Geheimnis (ungefähr 200 Meter hoch sind sie). Der Tag vergeht mit relaxen, schwatzen und lachen. Schön, mal ein wenig Zeit zum Plaudern mit den anderen Fahrern zu haben.

Fahrzeit ca. 4 Stunden
11.01.12

Am Strand entlang ging es nach Nouakchott

Abreisezeit ist gegen 15.00 Uhr, wenn die Ebbe den Meerestiefsstand anzeigt. Unfassbar, das diese Strandpiste vor dem Bau der Teerstraße die einzige Verbindung zwischen den beiden Städten Nouadhibou und Nouakchott war. Aller Verkehr – Autos und LKWs, Personen und Waren – wurde über diese Strecke transportiert.

Strandfahren macht mächtig Spaß! Über die kleinen Hügel, die die Wellen anhäufen, kann man bei schnittiger Geschwindigkeit schanzen. Und wenn man das Lenkrad ein klein wenig nach rechts dreht, spritzt ordentlich Meerwasser. Leider können wir nicht ewig weiterfahren, die Flut setzt ein. Mit Anlauf und Schwung geht es in einem Fischerdorf zurück auf die Teerstraße. Unter den neugierigen Blicken der einheimischen Bevölkerung werden per Fußpumpe alle Räder wieder aufgefüllt.

Die mauretanische Zivilisation hat uns wieder. Als wir bei unserer Auberge in der Hauptstadt Nouakchott ankommen, ist es bereits dunkel. Auch einige Autos bleiben dunkel. Fahrzeugelektrik mag nur bedingt Meerwasser. Direkt nach unserer Ankunft muss dass wüschte Schiff eins von André und Peter ausgeräumt werden, der Käufer holt es noch am selben Abend ab. Bis alle den Wüstensand in den 4 vorhandenen Duschen abgewaschen haben, ist es spät in der Nacht und leider ist das Wasser für mich mal wieder kalt.

Ruhetag Nouakchott
12.01.12

Die Autos werden an die Käufer übergeben

Bis 13.00 Uhr müssen alle Autos ausgeräumt sein, dann werden sie dem Verkäufer, bzw. den neuen Besitzern übergeben. Nicht schön! Alles Gepäck muss jetzt sortiert und für die Weiterfahrt in den Senegal klargemacht werden.

Alles Überflüssige – bzw. alles was nun nicht mehr mitgenommen werden kann wie z.B. Kocher, Töpfe oder Stühle, wandert in einen Raum der Auberge und wird zu einem späteren Zeitpunkt für das Straßenkinderprojekt verkauft. Meine Wanderschuhe und ein Teil meiner Kleidung schenke ich einem Mann, der mich von der Straße aus anspricht und etwas für seine Töchter haben möchte. Er strahlt über das ganze Gesicht und ich finde es schön, mit solch kleinen Dingen einem Menschen derart Freude zu machen.

Nun ist es an der Zeit mich von meinem treuen 190er zu verabschieden. 13 Jahre war er ein top Begleiter und auch hier in Afrika hat er uns bestens ans Ziel gebracht. Hoffentlich kann er seine letzten Jahre in Würde fröhlich fahrend hier verbringen. Und ganz vielleicht erfahre ich irgendwann einmal wie es ihm ergangen ist. Ich habe einen alten „analogen“ Fotoapparat mit Film im Handschuhfach deponiert. Ein kleines französisches Brieflein teilt meine Adresse und die Bitte mit, den Film vollzuknipsen und an mich zu schicken.

Eselskarren bringen das Wasser in die Häuser

Für den Besuch im Straßenkinderprojekt macht ein Teil der Autos seine letzte Fahrt mit uns. Es geht durch die Stadt, wir fahren auf Teer- und Erdstraßen an eingeschossigen Häusern vorbei, die ihr Wasser größtenteils von Wassertank-LKWs oder mit Wasser beladenen Eselskarren beziehen. Die Infrastruktur ist dürftig. Auch hier gehört herumliegender Müll zum Stadtbild und am Stadtrand kommt die Sahara bis an die Häuser heran.

Vor dem Haus, in dem die Straßenkinder tagsüber betreut werden, werden wir von Verantwortlichen empfangen und begrüßt. In den Räumen warten die Kinder auf dem Boden sitzend auf unseren Besuch. Auch sie sind erst ziemlich schüchtern, als aber Seifenblasen ins Spiel kommen, ist es mit der Ruhe und Ordnung vorbei. Es wird gejuchzt und gejubelt und es ist schön zu sehen, dass man mit solch einfachen Dingen wie Seifenblasen eine riesige Freude bereiten kann. Durch den Verkauf unserer Autos kann dieses Haus und die beiden Projekte in Nouadhibou wieder eine zeitlang finanziert werden.

Fahrtzeit ca. 8 Stunden
13.01.12

Buschtaxi-Bus

Verteilt auf wenige Autos – die Busse und Kombis, die nicht in Nouakchott bleiben (solch große Autos gelten als „Arbeiterautos“, die von Stadtmenschen nicht gefahren werden) – fahren wir an die Grenze zum Senegal. Erst Teerstraße, später Schotterpiste, die zum Teil der Rallye Paris-Dakar als Strecke dienten. Wir sind im VW-Bus untergebracht und für 8 Mann in einem 7-Sitzer ist es ziemlich eng und holperig.

Als nach einer ewig lang scheinenden Fahrt die Grenze in Sicht kommt, sind wir alle froh. Aber – zu früh gefreut. Die beiden großen Buschtaxis, die nun auf uns warten, sind nicht nur optisch auf den ersten Blick unglaubliche Schrottbüchsen. Beim Einsteigen muss man aufpassen, dass man nicht in eines der handtellergroßen Durchrostlöcher im Fahrzeugboden tritt, die einen großzügigen Blick auf die Straße freilassen. Das ist wohl die Klimaanlage, die aber leider mit der frischen Luft auch Staub, Dreck und Diesel ins Innere befördert. Was soll’s, diese Autos funktionieren schon seit ewiger Zeit und sie werden auch noch eine Zeit lang Fahrgäste befördern.

Der Senegal ist Grün! Nach all dem Sand und Schotter in Mauretanien sind die Bäume und Pflanzen eine Wohltat für die Augen. Die Menschen wirken trotz der Unmengen Müll und ihrer Armut fröhlicher, die Kleidung ist farbenfroher als in Mauretanien. Hier und da ist Musik zu hören. Die Buschtaxis bringen uns langsam aber sicher ans Ziel – Campingplatz Zebrabar in der Nähe der Stadt St.Louis.

Hier am Senegalfluss erleben wir eine ausgelassene Grill-Abschiedsparty mit allen Rallye-Teilnehmern, Feuerschluckern und senegalesischer Band. Boot- und Taxi-Ausflüge in die Stadt und in das Djoudji-Vogelschutzgebiet, der Wasserwildnis am Rande der Sahara, lassen die Zeit hier wie im Flug vergehen. Diese „Entspannungstage“ lassen uns das Erlebte mit allen gewonnenen Eindrücken Revue passieren.

Zum Glück gab es auf der ganzen Tour im gesamten Rallyeteam auf der menschlichen Seite außer Magenproblemen, Durchfall, Erkältung, kleinen Schnittverletzungen, Sandfloh- und Wanzenstichen, blauen Flecken, und einem gebrochenen Schlüsselbein keine Ausfälle. Alle Autos sind mehr oder weniger heil und vollständig durchgekommen.

Die letzte kleine Außerplanmäßigkeit erleben wir auf dem Heimweg. Unser Rückflug ab Dakar startet sehr afrikanisch ohne wirklich erkennbaren Grund mit eineinhalb Stunden Verspätung. Schon beim Abheben des Fliegers ist klar, dass wir den Anschlussflug in Lissabon trotz gleicher Airline nicht schaffen werden. Lissabon scheint auf solche Fälle vorbereitet zu sein. Der Transfer-Umbuchungsschalter ist vor und hinter dem Tresen gut besetzt. Es gibt Verzehrgutscheine für die Flughafengastronomie, die die Wartezeit überbrücken helfen und mit rund 5 Stunden Verspätung landen wir wohlbehalten in Zürich. Heimat, du hast uns nach einer spannenden, aufregenden und zum Teil strapaziösen Zeit wieder!